Beitrag von Konradin Kunze:

Not yet open and somehow connected (please respect the construction area)

Vor ein paar Tagen auf der Probe schoss mir plötzlich ein Gedanke durch den Kopf: Das ist er, dieser magische Zeitpunkt in einer Stückentwicklung, an den man sich später nicht mehr erinnern kann. Wenn alles fertig ist, das Stück ein Stück unter anderen ist, die Schauspieler es ein paar Mal gespielt haben und längst wieder in anderen Proben stecken, weiß keiner mehr, wie es war, als noch keiner wusste, wie es wird.

Den Eingang zur Baustelle von Facebooks Datenzentrum in Luleå versperrt ein elektrisches Tor. Das gesamte Areal zu umzäunen ist den Bauarbeitern aber wohl zu umständlich. Schließlich müssen von allen Seiten schwere Maschinen die riesige Halle erreichen können. Ich klettere über die frisch aufgeschütteten Erdhügel und stoße auf Kabelkanäle. Durch diese schmalen Schläuche wird bald die Kommunikation aller Facebook-Nutzer aus Europa, Afrika und dem Nahen Osten mit Lichtgeschwindigkeit hin und her jagen. Auf dem Rückweg bemerke ich an einer Baggerschaufel einen kleinen, handgeschriebenen Zettel mit einer Telefonummer: „Please respect the construction area. For visits call…“ Irgendwie passt Facebook nach Schweden. Open and connected.

Ich sitze am Rechner, um aus den Improvisationen der Schauspieler einen Text zu schreiben. Neben mir die Videokamera, mit der unsere Regiehospitantin die Proben aufzeichnet. Immer wenn sie lachen muss, wackelt das Bild. Die Wackelstellen kommen in den Text. Mein Lustigkeitsbarometer.

Tief im lappländischen Wald schiebe ich mein Fahrrad einen zugewachsenen Weg entlang. Ich stoße auf eine dieser falunroten Hüttchen. Innen sieht es aus, als hätte sie schon lange niemand mehr betreten. Ein kleiner Ofen steht in der Ecke. Mein iPhone-Akku ist noch nicht leer. Ich mache ein Foto und kehre um. Zwei Monate später stehe ich wieder vor dem Ofen. Gezeichnet von der Ausstattungsassistentin, geschweißt in der Schlosserei und auf alt getrimmt von den Malern im Schauspielhaus.

Zu Probenbeginn müssen die Schauspieler Referate vorbereiten. Hermann kämpft sich durch einen druckfrischen Sammelband der Bundeszentrale für politische Bildung zum Thema Datenschutz. Christine sieht sich Yoiks vom Sami Grand Prix auf Youtube an. Jonathan hat es einfach. Bevor er Schauspieler wurde, war er Holzfäller. Sein Referatthema: Holzfällen.

Wir üben ein patriotisches Lied auf schwedisch. Im deutschen Liedtext heißt es, der Norden sei „der Erden Riesenglied“. Einige halten das für eine Fehlübersetzung. Im Originaltext ist an der Stelle von „jättelem“ die Rede. Als ich das Wort bei Google eingebe, werden mir schwedische Dating-Seiten und Sex-Blogs aufgelistet. Die Übersetzung scheint korrekt zu sein.

„Hacking Luleå“ wird von Facebook und der transparenter werdenden Gesellschaft handeln. Wir debattieren, ob es gut ist, unseren Probenprozess auf einer Facebook-Seite sichtbar zu machen. Wir richten die Seite ein, posten Links zu Themen, die uns während der Proben beschäftigen. Eine Art Echtzeit-Online-Programmheft (facebook.com/HackingLulea). Aber Probenfotos oder -videos findet man dort nicht. Es soll doch eine Überraschung werden.
Nach Byung-Chul Han braucht „die menschliche Seele offenbar Sphären, in denen sie bei sich sein kann ohne den Blick des Anderen. Transparent ist nur die Maschine.“ Die Transparenzgesellschaft beseitigt „alle diskreten Rückzugsräume. Sie werden ausgeleuchtet und ausgebeutet. Die Welt wird dadurch schamloser und nackter.“
Gilt das auch für unsere Theaterproben? Der Vorhang bleibt jedenfalls geschlossen. Bis zur Premiere.


Hacking Luleå
Eine Stückentwicklung von Konradin Kunze und dem Ensemble
Uraufführung 06.12.2012

»To make the world more open and connected« ist die Mission von Facebook, sagt Mark Zuckerberg. »Gefällt mir«-Knopf, Facebook-Parties… Jeden Tag werden wir mit der Erfindung des 28-jährigen Selfmade-Milliardärs konfrontiert, ob wir registriert sind oder (noch) nicht. Facebook ist kostenlos – die Währung der digitalen Welt sind Daten. Um sie zu verwalten, baut das Unternehmen gerade eine Serverhalle im nordschwedischen Nest Luleå. Die Bewohner jubeln; ihre Stadt wird zum Knotenpunkt der Datenwelt, zum »Node Pole«.

Was aber, wenn deutsche Datenschutzaktivisten in die Polarkreisidylle eindringen? Und wenn sie auch noch gutaussehend und weiblich sind? Muss sich da ein samisches Holzfällerherz nicht gegen den Wirtschaftsstandort und für die interkulturelle Liebe entscheiden?

Und wenn eine Esoterik-Touristin den Bauplatz als heiligen Kraftort ausmacht? Dann ist es Zeit für handfesten Widerstand. Aber wie kappt man Glasfaserkabel für eine Milliarde User? Und warum pinkelt Mark Zuckerberg an eine nordschwedische Fichte? Wir begeben uns auf eine Spurensuche im Schnee und tauchen ein in den eisigen Datenstrom der digitalen Revolution.

 

Links:
http://vimeo.com/konradinkunze/lulea