Erstaunlicherweise zogen sich im März 2012 nicht nur hartgesottene Serienfans zum Fernsehgucken zurück, um die bislang teuerste HBO-Serie “Game of Thrones” auf RTL 2 am Stück anzusehen. Immerhin ca. 500 Minuten reine Spieldauer, zusammengerechnet mit den Werbeunterbrechungen also tatsächlich ein Themen-Wochenende. Ein gewagtes Unterfangen? Die ARD programmierte wiederum im April eine mit drei Stunden bereits überlange Eigenproduktion des Henning Mankell Bestsellers “Kennedys Hirn” als Zweiteiler in direkter Abfolge am selben Abend. Das Phänomen, sich einer Geschichte in epischem Ausmaß zuzuwenden, bis dahin nur einer Randgruppe Extremsport-ähnlicher Fans zugeschrieben, ist offenbar im Mainstream angekommen. Die Serie, mit Fug und Recht als Ableger der großen Romanciers zu verstehen, erlebt einen ungeahnten Boom. Warum sonst trifft man sich in den an Veranstaltungsformaten reichen Großstädten neuerdings gerne, um eine ganze Staffel amerikanischen Fernsehens gemeinsam mit Freunden auf DVD anzusehen?

Im Vergleich dazu sind Theater mit Recht zögerlich? Wenn wir im Thalia Theater den ganzen “Faust” in 8 1/2 Stunden anbieten, so werben wir mit einem “Marathon” und sind uns bewusst, dass das ein “Event” ist. Nähert sich ein gewöhnlicher Theaterabend der 4 Stunden-Grenze ist die Sorge groß um die Publikumsbereitschaft, sich in dieses XXL-Erlebnis hineinzubegeben. Ein Paradoxon.

Die Session “Dramaturgien 3.0″ wird im Workshop-Format im Anschluss an ein Impulsreferat analysieren: Was sind die neuen Fernsehformate, die Suchtpotenzial auslösen? Warum schauen Menschen mit Begeisterung epische Erzählformen jeglichen Genres der privaten amerikanischen Fernsehsender wie “Mad Men”, “Breaking Bad”, “The Wire”, “Dexter”, “Homeland”, “True Blood” oder “Game of Thrones”? Was hat sich in der Theaterdramaturgie seit der allgemeinen Etablierung der Wirkungsweisen postdramatischen Erzählens verändert? Und wie gehen Theater auf gewandelte Rezeptionsweisen ein?

Sollten wir Phänomene wie Second Screens und interaktive Erzählformate für Theater nutzbar machen? Nehmen wir einmal “Postdramatik als Dramaturgie 2.0″ an für die Arbeitshypothese dieses Workshops; in folgendem Sinne, nämlich dass sich in der Postdramatik alle Mittel einer Theateraufführung gleichwertig zur Verfügung stellen (Licht, Text, Musik, Video, Schauspieler) und sogar partizipative Formen bereits zögerlich Einzug gehalten haben in eine zeitgenössische Art Theater zu denken – so schlage ich  in dieser Session den Umgang mit Second Screens und Social Media als Forschungsfeld vor: Für die Entwicklung neuer Stoffe und Aufführungsformate. Gilt es eine Dramaturgie 3.0 zu entwickeln?